Biographie

Ursula Mamlok in New York 2012
Foto: Bettina Brand

Ursula Mamlok (*1923, † 4. 5. 2016). Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung von den Nationalsozialisten verfolgt, verließ sie gemeinsam mit ihren Eltern Berlin und flüchtete 1939 nach Ecuador.

1940 bekam sie ein Stipendium an der Mannes School of Music und ging als Siebzehnjährige allein nach New York. Sie studierte in den folgenden Jahren Komposition und wurde zu einer der bedeutendsten Komponistinnen der USA. 2006 kam Ursula Mamlok wieder in ihre Geburtsstadt Berlin. Es gelang ihr mit 83 Jahren noch einmal ein Neustart mit zahlreichen Konzerten europaweit, CD-, Rundfunk- und Fernsehproduktionen, der Veröffentlichung ihrer Biographie „Time in Flux – Die Komponistin Ursula Mamlok“ und des Dokumentarfilms „Ursula Mamlok Movements“.

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Ursula Mamlok, geborene Meyer (* 1. 2. 1923 in Berlin, † 4. 5. 2016), verlor ihren leiblichen Vater bereits im Oktober 1924 als sie noch keine zwei Jahre alt war. 1929 heiratete die Mutter Thea, geb. Goldberg, wieder und Ursula bekam den Nachnamen des Stiefvaters Hans Lewy. Sie besuchte zunächst eine Grundschule in der Charlottenburger Pestalozzistraße, dann das Fürstin-Bismarck-Lyzeum (heute Sophie-Charlotte-Oberschule).

Volksschule in Berlin
Volksschule in Berlin

Bereits in jungen Jahren bekam sie Klavierstunden. Ab dem 12. Lebensjahr erhielt sie sowohl Klavier- als auch Kompositionsunterricht bei dem Dirigenten, Pianisten, Komponisten und Musikwissenschaftler Gustav Ernest (* 5.7.1858 in Kwidzyn [Marienwerder], † 28. 11. 1941 in Amsterdam), den sie Zeit ihres Lebens verehrte.

Nachdem im April 1938 die jüdischen Kinder von den Nationalsozialisten gezwungen wurden, das Fürstin-Bismarck-Lyzeum zu verlassen, musste Ursula Lewy eine Berufsschule besuchen, in der sie vor allem Betten machen und Bügeln lernen sollte. Nach wenigen Wochen wurde ihr auch hier die Teilnahme am Unterricht untersagt, in diesem Fall für die angehende Komponistin eine Erlösung. Sie konnte sich nun ganz ihrer Musik widmen und sich aufs Klavierspielen und Komponieren konzentrieren.

Nach der Reichspogromnacht entschieden sich Ursula Lewys Eltern zur Auswanderung – schon fast zu spät. Durch Zufall meldete sich ein Verwandter aus Ecuador. Mit seiner Bürgschaft konnte die Familie im Februar 1939 Berlin verlassen und nach Guayaquil in Ecuador fliehen.

Stolpersteine Rosa Lewy und Erika Goldberg

Für die Großeltern gab es kein Affidavit. Sie überlebten den Holocaust nicht. Da die Nationalsozialisten Juden Medikamente verweigerten, starb der Großvater Emanuel Goldberg Anfang der 1940er Jahre aus Mangel an Insulin. Alle drei Großmütter sind laut „Holocaust Survivors and Victims Database“ wahrscheinlich an Entkräftung gestorben: Fanny Meyer, die Mutter des leiblichen Vaters, in Theresienstadt am 14. Juli 1942, Erika Goldberg 1942 in Treblinka und Rosa Lewy am 20. Februar 1943 in Theresienstadt. Zum Gedenken ließ Bettina Brand vor der Sebastianstraße 73 gegenüber der letzten Berliner Wohnung der Großmütter Rosa Lewy und Erika Goldberg Stolpersteine verlegen.

Nach dreißigtägiger Schiffsfahrt kamen die Lewys in Guayaquil an, kein kulturelles Dorado für die angehende Komponistin. Sie nahm so schnell wie möglich ihre Studien am dortigen Konservatorium bei Angelo Negri auf. Den Unterricht bezeichnete sie allerdings als unzureichend. Über den langwierigen Postweg hielt sie so lange wie möglich den Kontakt zu ihrem Lehrer Gustav Ernest, der am 31. August 1939 in die Niederlande emigrierte. Er starb am 28. 11. 1941 in Amsterdam.

Im Sommer 1940 gelang es Ursula Lewy ein Stipendium für die Mannes School of Music in New York zu bekommen. Durch Zufall wurde ihr eine Schiffspassage und das unentbehrliche Affidavit für die USA angeboten. Es gab allerdings nur für eine Person die erforderlichen Papiere, so dass sie – erst 17 Jahre alt – allein reisen musste – ohne die Eltern, ohne Sprache und ohne Geld. Hans und Thea Lewy kamen erst im März 1941 nach.

An der Mannes School Of Music war ihr Kompositionslehrer der Dirigent George Szell. Er war seiner Schülerin sehr gewogen, doch sein Unterricht war äußerst konservativ. Ursula Lewy wollte aus dem Korsett klassischer Tradition ausbrechen und bewarb sich im Sommer 1944 für ein dreimonatiges Stipendium am Black Mountain College in North Carolina. Sie wurde angenommen und kam erstmals in Kontakt mit den Werken Arnold Schönbergs und der Wiener Schule. Sie besuchte u. a. eine Meisterklasse bei Ernst Krenek und studierte in der Folge intensiv dessen Schrift “Zwölfton – Kontrapunkt – Studien“, ihre erste detaillierte Auseinandersetzung mit der Dodekaphonie. Auch lernte sie hier Eduard Steuermann kennen, bei dem sie im folgenden Herbst ca. zwei Jahre Klavierunterricht nahm.

Hochzeit Ursula und Dwight Mamlok
Hochzeit Ursula und Dwight Mamlok

Im August 1947 lernte Ursula Lewy ihren zukünftigen Mann in San Francisco kennen. Dwight (Dieter) Mamlok, gebürtiger Hamburger und über Schweden in die USA emigriert, war Kaufmann und Autor von zahlreichen Gedichten und Novellen. Drei Monate später heirateten sie bereits.

Bis März 1949 lebten sie gemeinsam in San Francisco und zogen vor allem auf Wunsch von Ursula Mamlok nach New York. Sie hatte im Alter von 26 Jahren keine Schulabschlüsse, keinen akademischen Grad und somit keine Aussicht auf eine Stelle. Und sie fühlte sich nicht als fertige Komponistin.

Wiederum gelang es ihr aufgrund ihrer musikalischen Hochbegabung ein Stipendium zu erwirken, diesmal an der Manhattan School Of Music. Da es ihr peinlich war, mit wesentlich Jüngeren die Schulbank zu drücken, fälschte sie ihr Geburtsjahr und rundete die Drei zur Acht. Auf dem Weg zu einem eigenen Stil waren die 1940er bis 60er Jahre von der Suche nach einem geeigneten avancierten Kompositionslehrer geprägt. Für Ursula Mamlok begann eine Odyssee:

Ursula Mamlok mit Masterabschluss
Ursula Mamlok mit Masterabschluss

Bereits im Black Mountain College hatte sie 1944 den amerikanischen Komponisten Roger Sessions kennen gelernt. Er erschien ihr als der ideale Lehrer und sie nahm bei ihm Privatunterricht. Doch bereits 1945 erhielt Roger Sessions einen Ruf an die Universität von Berkeley, so dass sie das Studium bei ihm nach wenigen Monaten abbrechen musste. Sie blieb längere Zeit ohne Lehrer bis sie 1950 auf Empfehlung zu Jerzy Fitelberg ging. Während der wenige Monate andauernden Studienzeit bei ihm entstand ihr Concerto for String Orchestra. Jerzy Fitelberg starb bereits im April 1951. 1952 nahm sie Kompositionsunterricht bei Erich Itor Kahn und komponierte Piano Piece. Doch auch bei ihm brach der Unterricht jäh ab, als er sich von einem schweren Verkehrsunfall in Paris nicht mehr erholte. Den folgenden konservativen Kompositionsunterricht bei Vittorio Giannini an der Manhattan School Of Music betrachtete Ursula Mamlok rückblickend als Zeitverschwendung. Ihren Bachelor bestand sie 1957 mit der Komposition ihres Woodwind Quintet, das sie Zeit ihres Lebens hoch schätzte, der Master of Music wurde ihr für ein Scherzo und Finale für Orchester verliehen. In dieser Phase ist sie noch vom Stil Paul Hindemiths und Béla Bartóks beeinflusst, auch wenn sie hörbar ihre eigenen kompositorischen Wege beschreitet.

Von Herbst 1960 bis Januar 1961 ging sie zum Kompositionsunterricht zu Stefan Wolpe (1902 – 1972), ebenfalls gebürtiger Berliner jüdischer Herkunft, der über Palästina nach New York emigrierte. Ihre Variationen für Flöte solo weisen auf den einen Stil hin, den sie in den folgenden Jahren weiter vervollkommnen und zu ihrem eigenen entwickeln wird. Doch erst als sie ebenfalls im Jahr 1961 zu Wolpes Schüler Ralph Shapey wechselte, fand ihre Odyssee ein Ende. Er hatte das nötige Einfühlungsvermögen, das Ursula Mamlok den Freiraum gab, ihre Kreativität zu entfalten und mit neuen Kompositionstechniken zu verbinden. Bei Ralph Shapey entstanden 1962 Designs für Violine und Klavier und das hochkomplexe Streichquartett No.1, in dem sie mit diffizilen, gegeneinandergesetzten Rhythmen arbeitet.

Ralph Shapey setzte sich sehr für Ursula Mamlok ein und verschaffte ihr erste wichtige Aufführungen. In der Folge wurden ihre Werke durch bekannte Ensembles wie “Group Of Contemporary Music”, “Continuum”, “Speculum”, “Music In Our Time” oder “Da Capo” bei wichtigen Konzerten und Festivals in den USA zur Aufführung gebracht.

Ursula Mamlok mit Herbert Blomstedt
Ursula Mamlok mit Herbert Blomstedt

Im Lauf der Jahre modifizierte Ursula Mamlok ihr Ausgangsmaterial nach eigenen Mustern. Sie selbst nannte ihr Sextett von 1977 für Flöte, Klarinette, Bassklarinette, Violine, Kontrabass und Klavier eines ihrer wichtigsten Werke. Eine besondere Stellung im Oeuvre der Komponistin nimmt Der Andreasgarten (1987) für Sopran, Flöte und Harfe ein, ein Gemeinschaftswerk mit ihrem Mann Dwight Mamlok, der die Gedichte dazu schrieb. Ursula Mamloks Kompositionen leben von Kontrasten und einem bewusst gestalteten dramatischen Aufbau besonders gut hörbar in ihrem Hauptwerk Constellations (1991) für großes Orchester, ein Auftragswerk der San Francisco Symphony, uraufgeführt unter der Leitung von Herbert Blomstedt.

Auch in den kammermusikalischen Werken gelingt es ihr, im Spiel mit Klangfarben für die unterschiedlichsten Besetzungen immer wieder neue Atmosphären zu schaffen. Dabei bleibt die Struktur ihrer Kompositionen trotz der spannungsreichen Dichte filigran wie z. B. in ihrem 2000 Notes für Klavier, das in seiner Transparenz brilliert.

Ursula Mamlok unterrichtete Theorie und Komposition an der New York University, der Temple University und 45 Jahre an der Manhattan School of Music in New York. Eine ihrer bekanntesten Schülerinnen ist die Komponistin und Dirigentin Tania León. 2005 starb ihr Mann Dwight Mamlok. 2006 entschied sich Ursula Mamlok wieder in ihre Geburtsstadt zu ziehen. In enger Zusammenarbeit mit der Rundfunkjournalistin und Musikwissenschaftlerin Bettina Brand gelang es, zahlreiche Musikerinnen und Musiker in Berlin, in Deutschland und europaweit für ihre Musik zu begeistern, so dass sie in hohem Alter einen erfolgreichen Neustart mit vielen Konzerten, CD-, Rundfunk- und Fernsehproduktionen genießen konnte. 2012 erschien ihre Biographie Time in Flux – Die Komponistin Ursula Mamlok von Habakuk Traber im Böhlau-Verlag. 2013 erlebte die Komponistin die Premiere des Dokumentarfilms Ursula Mamlok Movements von Anne Berrini im Hackesche Höfe Kino in Berlin.

Trotz ihres hohen Alters komponierte Ursula Mamlok weiter. In der letzten Berliner Dekade entstanden insgesamt zehn Kompositionen für verschiedene kammermusikalische Besetzungen auf Anfrage so renommierter Musiker wie Heinz Holliger, Kolja Lessing, Holger Groschopp, Jakob Spahn oder Spectrum Concerts Berlin. Das letzte Konzert in Villingen-Schwenningen am 8. April 2016 mit einer Bearbeitung von 2000 Notes für Marimba, Vibraphon, Xylophon und Glockenspiel von Yu Fujiwara war für sie ein Highlight.

Ursula Mamlok by Simon Pauly
Ursula Mamlok, März 2009
Foto: Simon Pauly
Ursula Mamlok by Simon Pauly
Ursula Mamlok, März 2009
Foto: Simon Pauly
Ursula Mamlok by Simon Pauly
Ursula Mamlok, März 2009
Foto: Simon Pauly

 

Wenige Wochen später starb Ursula Mamlok am 4. Mai 2016. Sie wurde auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee neben dem Grab ihres leiblichen Vaters beigesetzt.

Noch zu Lebzeiten hatte sie nicht nur die Gründung der Dwight und Ursula Mamlok-Stiftung testamentarisch verfügt sondern auch die Satzung sowie die Besetzung des Vorstandes und der Geschäftsführung. Am 3. Februar 2017 fand im Plenarsaal der Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin die feierliche Auftaktveranstaltung statt.

Ursula Mamloks Werkverzeichnis umfasst Kompositionen für Orchester, Chor, Vokalkompositionen, Werke für unterschiedlichste  Kammermusikbesetzungen und Solostücke. Ihre Kompositionen sind sowohl bei Edition C. F. Peters und als auch bei Boosey & Hawkes verlegt.

Ursula Mamlok erhielt u.a. folgende Preise und Auszeichnungen:

2013 Bundesverdienstkreuz erster Klasse
1998 Composer Of The Year, ausgewählt von der International Society Of Contemporary Music
1995 Stipendium der John Simon Guggenheim Foundation
1994 Guest Composer, 50th anniversary of the Composer’s Conference at Wellesley College
1993 ANC: Composer’s Assistance Program, copying grant
1992 University of Akron, residency Competition
1989 Mary Flagler Cary Recording Grant
1989 Walter Hinrichsen Award of the Academy & Institute for Arts and Letters
1989 Koussevitzky Foundation Grant
1987 BMI “Commendation of Excellence”
1986 ACA-OPUS ONE Recording Award für “Der Andreasgarten”

1981 National Endowment For The Arts

1981 SAI und 1. Preis National Flute Association für “Panta Rhei”

1981 American Academy and Institute of Art and Letters

1981 The Martha Baird Rockefeller Fund for Music Recording Award
1982 The Martha Baird Rockefeller Fund for Music Recording Award

1973 National Endowment For The Arts
1971 Paul Price für Variations and Interludes
1968 National Endowment For The Arts
1963 National Endowment For The Arts
1959 1. Preis: Fawick Orchestra
1952 1. Preis: National Orchestra Association
1945 1. Preis: National Federation of Music Clubs

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